
Nachhaltigkeit ist für Schweizer Spitäler kein Nebenthema mehr. Sie betrifft Gebäude, Energie, Beschaffung, Verpflegung, Mobilität, Personalbindung und Reputation. Zunehmend auch klinische Entscheidungen. Das Gesundheitswesen verursacht je nach Berechnung zwischen 5 und 12 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen der Schweiz, ein Anteil, der laut Branchenanalysen mit dem von Ernährung, Mobilität und Wohnen vergleichbar ist. Damit wird die Kommunikationsarbeit der Spitäler zu mehr als einer Pflichtübung. Sie muss erklären, wie sich ökologische, soziale und wirtschaftliche Verantwortung mit medizinischer Qualität verbindet – und sie braucht dafür Inhalte, die über Energiesparlampen und Recyclingquoten hinausgehen.
Inhaltsverzeichnis
- Warum das Thema strategisch ist und wo Kommunikation an ihre Grenzen kommt
- Was tatsächlich in ärztlicher Hand liegt
- Klimawandel als Gesundheitsthema, nicht nur als Reputationsthema
- Berichtspflichten: Was für Schweizer Spitäler tatsächlich gilt
- Themen, die in der Schweiz besonders zählen
- Praxisbeispiele aus der Schweiz
- Wer ist eigentlich zuständig?
- So wird Nachhaltigkeitskommunikation operativ wirksam
Überblick: Nachhaltigkeitskommunikation
- Nachhaltigkeitskommunikation im Spital funktioniert nur, wenn sie auf belastbaren Kennzahlen und konkreten Massnahmen beruht – nicht auf allgemeinen Versprechen.
- Ein relevanter Teil der wirksamsten Massnahmen liegt nicht bei der Kommunikationsabteilung, sondern in der Klinik selbst: Anästhesieverfahren, Vermeidung von Überversorgung, Verbrauchsmaterial.
- Die Schweizer Ärzteschaft hat den Klimawandel über die FMH-Strategie „Planetary Health“ offiziell als zentrales Gesundheitsthema anerkannt – das verschiebt die Begründung von „gut fürs Image“ zu „gut für die Versorgung“.
- Berichtspflichten zu Nachhaltigkeit treffen die meisten Schweizer Spitäler nicht direkt, werden aber relevant, sobald ein Spital sich über den Kapitalmarkt finanziert oder ein Kanton eigene Vorgaben macht.
- Glaubwürdig wird Kommunikation erst, wenn sie auch Zielkonflikte und offene Baustellen benennt statt nur Erfolge zu zeigen.
Eine Einführung zum Thema Nachhaltigkeit findet sich hier:
Warum das Thema strategisch ist und wo Kommunikation an ihre Grenzen kommt
Spitäler sind regionale Arbeitgeber, Ausbildungsstätten, Bauherren und oft Teil einer kantonalen Versorgungsstrategie. Allgemeine Nachhaltigkeitsversprechen reichen für diese Rollen nicht aus. Glaubwürdig wird die Kommunikation erst mit konkreten Zahlen: Energieverbrauch, CO2-Reduktion, Anteil erneuerbarer Wärme, Food Waste oder Fortschritte bei Beschaffungskriterien.
Hier zeigt sich aber auch die Grenze reiner Kommunikationsarbeit: Die wirkungsvollsten Hebel liegen oft nicht im Marketing, sondern im klinischen Alltag. Eine Kommunikationsabteilung kann Zahlen aufbereiten – ob die Zahlen gut sind, entscheidet sich am OP-Tisch, in der Beschaffung und in der täglichen Indikationsstellung.
Was tatsächlich in ärztlicher Hand liegt
Für leitende Ärzte ist das der eigentlich relevante Teil des Themas: Welche Massnahmen können sie selbst beeinflussen, unabhängig davon, was die Kommunikationsabteilung später daraus macht?
- Anästhesieverfahren: Am Universitätsspital Basel verzichtet die Anästhesiologische Klinik seit 2021 vollständig auf das Narkosegas Desfluran, das gemäss Spitalangaben über 2’500-mal so klimawirksam ist wie CO2 – eine siebenstündige Desfluran-Narkose entspricht demnach etwa 15’000 gefahrenen Autokilometern. Ersetzt wird es in den meisten Fällen durch totale intravenöse Anästhesie (TIVA), in selteneren Fällen durch volatile Alternativen mit deutlich geringerem Klimaeffekt. Chefarzt Luzius Steiner betonte dabei in einer Medienmitteilung, dass dies ohne Nachteile bei Patientensicherheit, Patientenkomfort oder Behandlungsqualität gelinge.
- Vermeidung von Überversorgung: Der Trägerverein „smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland“ veröffentlicht gemeinsam mit Fachgesellschaften sogenannte Top-5-Listen unnötiger oder unnötig häufiger Massnahmen. Der Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (VSAO) hat dabei eine eigene Liste zum Thema Planetary Health publiziert, die Überversorgung explizit auch als Ressourcen- und Klimafrage einordnet. Weniger unnötige Diagnostik bedeutet weniger Materialverbrauch, weniger Energieeinsatz in Radiologie und Labor und weniger Folgeuntersuchungen.
- Verbrauchsmaterial: Hier liegt der grösste Zielkonflikt: Einwegmaterial ist oft aus Hygiene- und Sicherheitsgründen notwendig. Die Fachstelle für Nachhaltigkeit am Universitätsspital Basel hat diesen Punkt selbst hervorgehoben. Nachhaltigkeit dürfe „nie zulasten von Hygiene und Sicherheit der Patienten“ gehen. Das ist kein Widerspruch zur Nachhaltigkeitsstrategie, sondern eine Leitplanke, die in der Kommunikation auch so benannt werden sollte, statt den Zielkonflikt zu verschweigen.
Ausserdem interessant:
Klimawandel als Gesundheitsthema, nicht nur als Reputationsthema
Das verändert auch die Begründung, mit der Nachhaltigkeit gegenüber der Ärzteschaft kommuniziert wird. Die FMH-Ärztekammer hat 2021 die Strategie „Planetary Health“ verabschiedet und damit den Klimawandel offiziell als grösste gesundheitliche Bedrohung des Jahrhunderts anerkannt. Die Strategie sieht für Ärzte eine aktive Rolle bei Kommunikation, Prävention und Versorgung der gesundheitlichen Klimafolgen vor – im direkten Patientenkontakt ebenso wie in der öffentlichen und politischen Debatte.
Für die interne Kommunikation in Spitälern lohnt sich dieser Bezug: Nachhaltigkeit lässt sich damit nicht nur als Kosten- oder Reputationsthema darstellen, sondern als Teil des ärztlichen Versorgungsauftrags – das erleichtert es, klinisches Personal für das Thema zu gewinnen, statt es als zusätzliche Verwaltungsaufgabe zu präsentieren.
Berichtspflichten: Was für Schweizer Spitäler tatsächlich gilt
Hier braucht es Präzision, weil pauschale Aussagen zu Berichtspflichten leicht in die Irre führen. Verpflichtende Berichterstattung zu nichtfinanziellen Belangen und Klimabelangen gilt in der Schweiz für grosse Unternehmen von öffentlichem Interesse. Das betrifft in erster Linie börsennotierte Gesellschaften, Banken und Versicherungen oberhalb bestimmter Schwellenwerte.
Die meisten Schweizer Spitäler sind als öffentlich-rechtliche Anstalten oder Stiftungen organisiert und fallen nicht direkt darunter. Relevant wird die Berichtspflicht für ein Spital typischerweise erst, wenn es sich über den Kapitalmarkt finanziert, etwa bei einem Neubau mit Anleihen. Das Kantonsspital Winterthur hat genau diesen Weg gewählt und Green Bonds in die Finanzierung seines Minergie-ECO-zertifizierten Neubaus eingebunden – ein Beispiel, wie Nachhaltigkeit und Finanzierungsstrategie zusammenfallen können. Daneben setzen einzelne Kantone eigene Berichts- oder Förderkriterien für ihre Spitäler, unabhängig vom Bundesrecht.
Für die Kommunikation heisst das: Ein Spital muss nicht behaupten, gesetzlich zur Berichterstattung verpflichtet zu sein, um einen Nachhaltigkeitsbericht zu rechtfertigen. Es kann freiwillige Transparenz als eigenständige Stärke positionieren – das ist ehrlicher und oft überzeugender.
Themen, die besonders zählen
Nicht jede Massnahme hat dieselbe Wirkung. Eine Lebenszyklusanalyse in 33 Schweizer Spitälern zeigt, dass Verpflegung, Gebäudeinfrastruktur, Heizung, Elektrizität und Arzneimittel zusammen rund 70 Prozent der Treibhausgasemissionen der Schweizer Spitäler verursachen. Genau diese Bereiche verdienen in der Kommunikation Priorität vor kleineren, aber sichtbareren Massnahmen wie Recyclingstationen im Eingangsbereich.
Bei Beschaffung, Arzneimitteln und Mobilität gilt dasselbe Prinzip wie bei Verbrauchsmaterial: Qualität, Verfügbarkeit, Sterilität und Kosten stehen oft im Spannungsfeld mit ökologischen Zielen. Kommunikation, die diese Abwägungen offen benennt, wirkt glaubwürdiger als eine Darstellung, die suggeriert, es gebe keine Zielkonflikte.
Praxisbeispiele aus der Schweiz
Konkrete Beispiele aus anderen Spitälern erleichtern es, das Thema intern zu vermitteln, ohne dass jedes Haus seine Strategie von Grund auf neu erfinden muss.
Die Berner Lindenhofgruppe hat im Rahmen ihrer Initiative „Miteinander nachhaltig“ 2020 über zwölf Tonnen Plastik recycelt – ein Projekt, das von der Spitalapotheke über die Hotellerie bis zum ambulanten Operieren reicht. Der Spitalverband H+ Die Spitäler der Schweiz hat zudem eine branchenweite Analyse zur Zukunft der Spitallandschaft bis 2045 in Auftrag gegeben, die zeigt, dass Nachhaltigkeit zunehmend als Strukturfrage und nicht nur als Einzelprojekt verstanden wird.
Wer ist eigentlich zuständig?
Eine Frage, die in vielen Häusern ungeklärt bleibt: Liegt Nachhaltigkeit bei der Kommunikationsabteilung, beim Facility Management oder bei der medizinischen Leitung? Das Universitätsspital Basel hat dafür eine eigene Fachstelle für Nachhaltigkeit mit drei Mitarbeitenden geschaffen, geleitet von einem Arzt. Dieses Modell zeigt eine mögliche Aufteilung: Die Fachstelle bündelt Daten aus Facility Management, Einkauf, HR und Klinik, eine medizinische Leitungsperson sichert die klinische Einordnung, und die Kommunikationsabteilung übersetzt die Ergebnisse nach aussen und nach innen.
Für leitende Ärzte ist dabei wichtig: Diese Aufgabe sollte nicht einfach zusätzlich auf bereits ausgelastete klinische Stellen verteilt werden. Sinnvoller ist eine klar definierte, zeitlich abgegrenzte Rolle – etwa als Mitglied einer Steuerungsgruppe, die Inhalte fachlich validiert, statt selbst Kommunikationsmaterial zu produzieren.
So wird Nachhaltigkeitskommunikation operativ wirksam
Ein praktikabler Fahrplan: zunächst die wichtigsten Themen anhand ihres tatsächlichen Klimabeitrags bestimmen, dann belastbare Kennzahlen aus Facility Management, Einkauf, HR und Klinik zusammenführen. Anschliessend Zielgruppen trennen – Mitarbeitende, Patienten, Politik, Investoren, Medien – und für jede Gruppe eigene Kernbotschaften formulieren. Für die Kanäle gilt: Website, Intranet, Jahresbericht, Medienarbeit und Mitarbeiterveranstaltungen erreichen unterschiedliche Zielgruppen unterschiedlich gut, eine strukturierte FAQ-Seite mit Kennzahlen und Verantwortlichen verbessert zudem die Auffindbarkeit in Suchmaschinen und KI-basierten Antwortsystemen.
Nachhaltigkeitskommunikation bleibt am Ende eine Querschnittsaufgabe. Sie überzeugt nicht durch möglichst viele Schlagworte, sondern dadurch, dass sie zeigt, welche konkreten Entscheidungen – auch in der Klinik – zu welchen messbaren Ergebnissen geführt haben, einschliesslich der Stellen, an denen es noch hakt.
Häufige Fragen zur Nachhaltigkeitskommunikation im Spital
- Reicht es, wenn die Kommunikationsabteilung über Nachhaltigkeit berichtet?
- Welche Nachhaltigkeitsmassnahmen liegen konkret in der Hand von Ärzten?
- Müssen Schweizer Spitäler gesetzlich einen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichen?
- Wie verhindert ein Spital den Vorwurf des Greenwashings?
Nicht allein. Die Kommunikationsabteilung kann Botschaften formulieren und Kanäle bespielen, aber die zugrunde liegenden Daten und Entscheidungen stammen aus Klinik, Facility Management, Einkauf und HR. Ohne deren Beteiligung bleibt jede Kommunikation oberflächlich und angreifbar.
Dazu zählen unter anderem die Wahl klimaschonender Anästhesieverfahren, etwa der Verzicht auf besonders klimawirksame Narkosegase wie Desfluran zugunsten von TIVA, sowie die konsequente Vermeidung von Überversorgung gemäss Choosing-Wisely-Empfehlungen. Beide Bereiche wirken sich direkt auf Materialverbrauch und Emissionen aus, ohne die Versorgungsqualität zu verschlechtern.
Für die meisten Spitäler besteht keine direkte gesetzliche Pflicht, da sie nicht als grosse Unternehmen von öffentlichem Interesse gelten. Relevant wird Berichterstattung vor allem, wenn ein Spital sich über den Kapitalmarkt finanziert, oder wenn der zuständige Kanton eigene Vorgaben macht. Ein freiwilliger Bericht kann unabhängig davon sinnvoll sein.
Indem es nicht nur Erfolge zeigt, sondern auch Zielkonflikte offen benennt – etwa dort, wo Einwegmaterial aus Hygienegründen weiterhin notwendig ist. Eine Kommunikation, die Grenzen und offene Punkte einräumt, wirkt glaubwürdiger als eine, die ausschliesslich positive Ergebnisse präsentiert.













