
Patientensicherheit entsteht nicht durch Bauchgefühl, sondern durch konsequente Beobachtung, Auswertung und Verbesserung. Genau hier setzen Kennzahlen für mehr Patientensicherheit an: Sie zeigen, wo Patienten gefährdet sind, welche Prozesse stabil funktionieren und wo ein Spital nachschärfen muss.
Inhaltsverzeichnis
Überblick: Kennzahlen für mehr Patientensicherheit
- Kennzahlen zur Patientensicherheit machen Risiken im Spital sichtbar, bevor aus Einzelfällen systematische Probleme werden.
- Besonders relevant sind Infektionsraten, postoperative Wundinfektionen, Stürze, Dekubitus, CIRS-Meldungen, Mortalität und Rehospitalisationen.
- Einzelne Werte sind nur begrenzt aussagekräftig. Entscheidend sind Verlauf, Vergleichsgruppe, Risikoprofil und abgeleitete Massnahmen.
- Für Ärzte in Führungsfunktionen sind Kennzahlen zur Patientensicherheit ein Instrument für Qualitätsmanagement, Teamkommunikation und klinische Steuerung.
- Eine gute Sicherheitskultur misst nicht nur Schaden, sondern auch Beinahe-Ereignisse und Lernprozesse.
Was eine gute Sicherheitskennzahl auszeichnet
Jede Kennzahl braucht eine klare Definition: Was wird gezählt, welcher Nenner gilt, welche Fälle sind eingeschlossen und welcher Zeitraum wird betrachtet? Ebenso wichtig sind eine nachvollziehbare Datenquelle, eine angemessene Risikoadjustierung und eine festgelegte Reaktion auf Auffälligkeiten.
Kennzahlen sind Screening- und Steuerungsinstrumente. Sie weisen auf mögliche Probleme hin, beweisen aber nicht automatisch eine fehlerhafte Behandlung. Unterschiede können auch durch Fallmix, kleine Fallzahlen, vollständigere Dokumentation oder geänderte Erfassungsmethoden entstehen.
Healthcare-assoziierte Infektionen
In der Schweizer Punktprävalenz-Erhebung 2025 wurde bei 5,3 Prozent der untersuchten Patienten mindestens eine Healthcare-assoziierte Infektion festgestellt. Der Wert ist eine Momentaufnahme der teilnehmenden Spitäler und keine jährliche Infektionsrate. Bei postoperativen Wundinfektionen, sogenannten Surgical Site Infections, sollte die Zahl der Infektionen auf die überwachten Eingriffe derselben Operationsart bezogen werden. Für andere Infektionen können Patiententage oder Device-Tage geeignete Nenner sein.
Swissnoso beobachtet den Verlauf grundsätzlich 30 Tage, bei Eingriffen mit Fremdmaterial 90 Tage. Seit dem 1. Januar 2026 werden oberflächliche Inzisionsinfektionen in der Swissnoso-Überwachung nicht mehr erfasst. Zeitreihen über diesen Stichtag hinweg müssen den Methodenwechsel kennzeichnen. Ergänzend sollten Prozesskennzahlen wie die rechtzeitige Antibiotikaprophylaxe und die Einhaltung von Präventionsbündeln ausgewertet werden.
Medikationssicherheit
Medikationsfehler können bei Verordnung, Übertragung, Abgabe, Anwendung und Überwachung entstehen. Geeignete Kennzahlen sind vollständige Medikationsabgleiche bei Eintritt und Austritt, klinisch relevante Diskrepanzen, schwerwiegende vermeidbare Medikationsschäden sowie die Einhaltung erforderlicher Kontrollen.
Das nationale Programm NIP-MedS setzt Schwerpunkte bei Hochrisikomedikamenten, Medikamentenverwechslungen und Änderungen verfügbarer Präparate. Nicht alle Kennzahlen sind national standardisiert. Für interne Vergleiche müssen Spitäler deshalb Definitionen und Datenquellen verbindlich festlegen.
Stürze und Dekubitus
Der ANQ hat die Messung von Sturz und Dekubitus in der Akutsomatik 2026 mit strukturierten Daten aus den Klinikinformationssystemen wieder aufgenommen. Ergebniskennzahlen wie Stürze je 1’000 Pflegetage, Stürze mit Verletzungsfolge und neu entstandene Dekubitus sollten getrennt von Prozesskennzahlen betrachtet werden. Dazu gehören die Risikoeinschätzung bei Eintritt und die zeitgerechte Umsetzung geeigneter Präventionsmassnahmen.
Balanceindikatoren sind ebenfalls nötig: Eine sinkende Sturzrate wäre kein eindeutiger Erfolg, wenn sie durch mehr Freiheitsbeschränkungen erreicht würde.
Mortalität, Komplikationen und klinische Eskalationen
Seit 2026 stehen Patient Safety Indicators und ausgewählte Mortalitätsraten auf dem ANQ-Messplan. Dazu gehören unter anderem postoperative Sepsis, respiratorische Insuffizienz, iatrogener Pneumothorax sowie Mortalitätsraten bei Herzinfarkt, Schlaganfall, Pneumonie und Sepsis. Vergleichende transparente Ergebnisse sind nach aktuellem Plan erstmals für 2028 vorgesehen.
Weitere interne Kennzahlen können ungeplante Intensivverlegungen, Reanimationen ausserhalb von Intensivbereichen und verzögerte Reaktionen auf kritische Vitalparameter umfassen. Geplante Intensivaufenthalte müssen ausgeschlossen werden. Auffällige Werte sollten strukturierte Fallanalysen, Peer Reviews oder Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen auslösen.
Ungeplante Rehospitalisationen
Der ANQ definiert ungeplante Rehospitalisationen als unerwartete Wiedereintritte innerhalb von 30 Tagen nach dem Austritt. Die nationale Messung wird ab 2027 vorerst sistiert, während ihre zukünftige Ausgestaltung geprüft wird.
Für interne Analysen bleibt die Kennzahl relevant. Geplante Folgebehandlungen, Verlegungen und klinisch unvermeidbare Wiedereintritte müssen jedoch methodisch abgegrenzt werden.
CIRS und Patientenperspektive
Ein Critical Incident Reporting System ist ein freiwilliges Lernsystem für Risiken und Beinahe-Ereignisse. Die Zahl der Meldungen entspricht nicht der tatsächlichen Ereignishäufigkeit und eignet sich nicht für direkte Spitalvergleiche. Aussagekräftiger sind Bearbeitungsdauer, Analysequalität, Rückmeldungen, systemorientierte Massnahmen und deren Wirksamkeitskontrolle. Schwerwiegende Schadensereignisse benötigen separate Melde- und Eskalationsverfahren.
Patient-Reported Experience Measures ergänzen klinische Daten. Sie können auf Risiken bei Kommunikation, Medikationsinformation, Austrittsvorbereitung und Koordination hinweisen. PREMs sind keine direkten Schadensraten, machen aber Probleme sichtbar, die in Routinedaten oder CIRS fehlen können.
Kennzahlen richtig nutzen
Ein gutes Dashboard verbindet Ergebnis-, Prozess- und Balanceindikatoren. Kleine Fallzahlen und statistische Unsicherheit sollten mit Konfidenzintervallen, Kontrollkarten oder rollierenden Zeiträumen sichtbar gemacht werden. Trends sind meist aussagekräftiger als Ranglisten.
Schwerwiegende Einzelereignisse benötigen eine sofortige Analyse. Häufige Kennzahlen können monatlich oder quartalsweise ausgewertet werden. Entscheidend ist, dass Auffälligkeiten analysiert, Verantwortlichkeiten festgelegt und die Wirkung von Verbesserungsmassnahmen überprüft wird.
Fazit
Patientensicherheit entsteht nicht durch möglichst viele KPIs. Entscheidend sind klar definierte Kennzahlen, verlässliche Daten, klinische Einordnung und verbindliche Handlungsregeln. Erst die Verbindung von Messung, Analyse und Wirksamkeitskontrolle macht aus Reporting ein Instrument für eine sicherere Versorgung.
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Häufige Fragen zu den Kennzahlen für mehr Patientensicherheit
- Welche Kennzahlen für die Patientensicherheit sind für Schweizer Spitäler besonders relevant?
- Wie oft sollten Kennzahlen zur Patientensicherheit ausgewertet werden?
- Warum reichen Kennzahlen zur Patientensicherheit allein nicht aus?
Kennzahlen zur Patientensicherheit sind besonders relevant, wenn sie häufige und vermeidbare Risiken abbilden. Dazu gehören Infektionsraten, postoperative Wundinfektionen, Stürze, Dekubitus, CIRS-Meldungen, Rehospitalisationen, Mortalitätsraten und ungeplante Verlegungen.
Kennzahlen zur Patientensicherheit sollten regelmässig ausgewertet werden, je nach Risiko monatlich, quartalsweise oder jährlich. Für operative Bereiche und Hochrisikostationen sind engmaschige Auswertungen sinnvoll, damit Trends früh erkannt und Massnahmen rasch angepasst werden können.
Kennzahlen zur Patientensicherheit zeigen Auffälligkeiten, erklären diese aber nicht automatisch. Erst die klinische Analyse, der Vergleich mit Risikoprofilen und die Diskussion im Team machen aus Zahlen konkrete Verbesserungen für Patienten.
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