
Patientensicherheit entsteht nicht durch Bauchgefühl, sondern durch konsequente Beobachtung, Auswertung und Verbesserung. Genau hier setzen Kennzahlen für mehr Patientensicherheit an: Sie zeigen, wo Patienten gefährdet sind, welche Prozesse stabil funktionieren und wo ein Spital nachschärfen muss.
Inhaltsverzeichnis
Überblick: Kennzahlen für mehr Patientensicherheit
- Kennzahlen zur Patientensicherheit machen Risiken im Spital sichtbar, bevor aus Einzelfällen systematische Probleme werden.
- Besonders relevant sind Infektionsraten, postoperative Wundinfektionen, Stürze, Dekubitus, CIRS-Meldungen, Mortalität und Rehospitalisationen.
- Einzelne Werte sind nur begrenzt aussagekräftig. Entscheidend sind Verlauf, Vergleichsgruppe, Risikoprofil und abgeleitete Massnahmen.
- Für Ärzte in Führungsfunktionen sind Kennzahlen zur Patientensicherheit ein Instrument für Qualitätsmanagement, Teamkommunikation und klinische Steuerung.
- Eine gute Sicherheitskultur misst nicht nur Schaden, sondern auch Beinahe-Ereignisse und Lernprozesse.
Was Kennzahlen zur Patientensicherheit aussagen
Kennzahlen zur Patientensicherheit messen Schäden, Risiken und die Umsetzung sicherheitsrelevanter Prozesse. Aussagekräftig werden sie erst durch einen klaren Nenner, einheitliche Definitionen und festgelegte Reaktionen auf Auffälligkeiten.
Grundsätzlich lassen sich drei Arten unterscheiden:
- Ergebnisindikatoren zeigen eingetretene Ereignisse, etwa Infektionen oder Stürze.
- Prozessindikatoren messen, ob eine Präventionsmassnahme umgesetzt wurde.
- Balanceindikatoren prüfen, ob eine Verbesserung unerwünschte Nebenwirkungen verursacht.
Die folgende Übersicht zeigt mögliche Berechnungen. Für nationale Messungen gelten stets die Definitionen der zuständigen Messmanuale.
| Kennzahl | Mögliche Berechnung | Einordnung |
|---|---|---|
| Postoperative Wundinfektionsrate | Infektionen ÷ überwachte Eingriffe derselben Operationsart × 100 | National und intern |
| Sturzrate | Stationäre Stürze ÷ Pflegetage × 1’000 | National und intern |
| Dekubitusinzidenz | Neu entstandene Dekubitusfälle ÷ eingeschlossene Patienten × 100 | National und intern |
| Vollständiger Medikationsabgleich | Dokumentierte Abgleiche ÷ relevante Ein- oder Austritte × 100 | Überwiegend intern |
| Ungeplante Rehospitalisation | Ungeplante Wiedereintritte innerhalb von 30 Tagen ÷ auswertbare Austritte × 100 | National und intern |
| CIRS-Bearbeitungsdauer | Zeit zwischen Meldung und abgeschlossener Bearbeitung | Intern |
Healthcare-assoziierte Infektionen
In der Schweizer Punktprävalenz-Erhebung 2025 hatten 648 von 12’265 untersuchten Patienten mindestens eine healthcare-assoziierte Infektion. Das entspricht 5,3 Prozent. Die Erhebung umfasste 97 Spitäler. Der Wert ist eine Momentaufnahme und keine jährliche Infektionsrate.
Bei postoperativen Wundinfektionen muss die Zahl der Infektionen auf vergleichbare Eingriffe bezogen werden. Swissnoso verfolgt den klinischen Verlauf 30 Tage, bei implantiertem Fremdmaterial 90 Tage. Seit dem 1. Januar 2026 werden oberflächliche Inzisionsinfektionen nicht mehr in der Swissnoso-Überwachung erfasst. Zeitvergleiche über diesen Stichtag benötigen deshalb einen Hinweis auf den Methodenwechsel.
Ergebniskennzahlen sollten durch Prozessindikatoren ergänzt werden. Dazu gehören die korrekte Antibiotikaprophylaxe, Händehygiene und die Einhaltung von Präventionsbündeln.
Medikationssicherheit
Medikationsfehler können bei Verordnung, Übertragung, Abgabe, Anwendung und Überwachung entstehen. Geeignete Kennzahlen sind vollständige Medikationsabgleiche, klinisch relevante Diskrepanzen, vermeidbare Medikationsschäden und vorgeschriebene Kontrollen bei Hochrisikomedikamenten.
Das Nationale Implementierungsprogramm Medikationssicherheit, kurz NIP-MedS, konzentriert sich auf Hochrisikomedikamente, Medikamentenverwechslungen und den sicheren Umgang mit Änderungen verfügbarer Präparate. Viele Kennzahlen sind noch nicht national standardisiert. Spitäler müssen deshalb Definition, Datenquelle und Nenner intern verbindlich festlegen.
Stürze und Dekubitus
Der ANQ hat die Erhebung von Stürzen und Dekubitus in Akutspitälern 2026 wieder aufgenommen. Der Erhebungszeitraum läuft von Februar bis April 2026. Die standardisierte Messung verwendet Routinedaten aus den Klinikinformationssystemen.
Stürze mit und ohne Verletzungsfolge sowie neu entstandene Dekubitusfälle sollten getrennt ausgewertet werden. Prozessindikatoren erfassen etwa die Risikoeinschätzung bei Eintritt und die rechtzeitige Umsetzung geeigneter Präventionsmassnahmen.
Balanceindikatoren bleiben wichtig. Eine sinkende Sturzrate ist kein eindeutiger Erfolg, wenn gleichzeitig mehr freiheitsbeschränkende Massnahmen eingesetzt werden.
Mortalität, Komplikationen und Rehospitalisationen
Patient Safety Indicators, kurz PSI, und ausgewählte Mortalitätsraten stehen seit 2026 auf dem ANQ-Messplan. Erfasst werden unter anderem postoperative Sepsis, respiratorische Insuffizienz, iatrogener Pneumothorax, schwere postoperative Komplikationen und Dammrisse. Hinzu kommen Mortalitätsraten bei Herzinfarkt, Schlaganfall, Pneumonie und Sepsis.
Für 2027 sind erste Analysen ohne transparente Publikation geplant. Vergleichende Ergebnisse werden erstmals 2028 erwartet.
Weitere interne Kennzahlen können ungeplante Intensivverlegungen, Reanimationen ausserhalb der Intensivstation und verzögerte Reaktionen auf kritische Befunde umfassen. Auffällige Werte sollten strukturierte Fallanalysen oder Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen auslösen.
Ungeplante Rehospitalisationen sind unerwartete Wiedereintritte innerhalb von 30 Tagen nach dem Austritt. Der ANQ sistiert die nationale Messung ab 2027, während die zukünftige Ausgestaltung geprüft wird. Für interne Analysen bleibt die Kennzahl relevant.
CIRS und Patientenperspektive
Ein Critical Incident Reporting System, kurz CIRS, ist ein freiwilliges Lernsystem für Risiken und Beinahe-Ereignisse. Die Zahl der Meldungen entspricht nicht der tatsächlichen Ereignishäufigkeit. Sie eignet sich daher weder als Schadensrate noch für direkte Spitalvergleiche.
Aussagekräftiger sind Bearbeitungsdauer, Rückmeldequote, Anteil abgeschlossener Analysen und überprüfte Verbesserungsmassnahmen. Schwerwiegende Schadensereignisse benötigen separate Melde- und Eskalationswege.
Patient Reported Experience Measures können zusätzlich auf Probleme bei Kommunikation, Medikationsinformation, Austrittsvorbereitung oder Koordination hinweisen. Sie sind keine direkten Sicherheitskennzahlen, ergänzen aber klinische Daten um die Patientenperspektive.
Kennzahlen richtig nutzen
Ein gutes Dashboard verbindet Ergebnis-, Prozess- und Balanceindikatoren. Fallmix, kleine Fallzahlen, Dokumentationsqualität und statistische Unsicherheit müssen bei der Interpretation berücksichtigt werden. Trends sind meist aussagekräftiger als einfache Ranglisten.
Kritische Einzelereignisse verlangen eine sofortige Analyse. Häufige Ereignisse können monatlich oder quartalsweise ausgewertet werden. Für jede Kennzahl sollten Verantwortlichkeit, Warnschwelle und Reaktion festgelegt sein. Erst die Verbindung von Messung, Analyse, Massnahme und Wirksamkeitskontrolle verbessert die Patientensicherheit.
Wenn Dir unsere Artikel gefallen und Du keine neue Veröffentlichung verpassen möchtest, dann kannst Du hier mit nur einem Klick praktischarzt.ch zu Deinen präferierten Quellen bei Google hinzufügen.
Häufige Fragen zu den Kennzahlen für mehr Patientensicherheit
- Welche Kennzahlen zur Patientensicherheit sind für Schweizer Akutspitäler besonders relevant?
- Wie oft sollten Kennzahlen zur Patientensicherheit ausgewertet werden?
- Eignen sich Kennzahlen zur Patientensicherheit für Spitalvergleiche?
Wichtige Kennzahlen zur Patientensicherheit betreffen Infektionen, Medikationsschäden, Stürze, Dekubitus, Komplikationen, Rehospitalisationen und ungeplante Intensivverlegungen. Ergänzend sind Prozess- und Balanceindikatoren erforderlich.
Kennzahlen zur Patientensicherheit sollten abhängig vom Risiko laufend, monatlich, quartalsweise oder jährlich ausgewertet werden. Schwerwiegende Einzelereignisse müssen unabhängig vom regulären Auswertungsrhythmus sofort untersucht werden.
Kennzahlen zur Patientensicherheit eignen sich nur eingeschränkt für direkte Spitalvergleiche. Unterschiede bei Fallmix, Risikoadjustierung, Dokumentation, Fallzahl und Messmethode können Ergebnisse erheblich beeinflussen.
Mehr zu Führung & Management
- ANQ (o. J.-a), Sturz und Dekubitus, Bern: Nationaler Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken, anq.ch… (zuletzt aufgerufen am 27.07.2026)
- ANQ (o. J.-b), Patient Safety Indicators und Mortalitätsraten, Bern: Nationaler Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken, anq.ch… (zuletzt aufgerufen am 27.07.2026)
- ANQ (o. J.-c), Ungeplante Rehospitalisationen, Bern: Nationaler Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken, anq.ch… (zuletzt aufgerufen am 27.07.2026)
- ANQ (o. J.-d): Patienten- und Elternerfahrung, Bern: Nationaler Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken, anq.ch… (zuletzt aufgerufen am 27.07.2026)
- Bundesamt für Gesundheit BAG (o. J.), Punktprävalenz-Erhebungen in Spitälern, Bern: BAG, bag.admin.ch… (zuletzt aufgerufen am 27.07.2026)
- Patientensicherheit Schweiz (o. J.-a), NIP-MedS: Nationales Implementierungsprogramm Medikationssicherheit, Zürich: Stiftung Patientensicherheit Schweiz, patientensicherheit.ch… (zuletzt aufgerufen am 27.07.2026)
- Patientensicherheit Schweiz (o. J.-b), FAQ zum CIRS und CIRRNET, Zürich: Stiftung Patientensicherheit Schweiz, patientensicherheit.ch… (zuletzt aufgerufen am 27.07.2026)
- Swissnoso (o. J.), SSI Surveillance: Das Modul, Bern: Swissnoso, swissnoso.ch… (zuletzt aufgerufen am 27.07.2026)
- Swissnoso (2026), SSI Surveillance: Liste der Änderungen, Version vom 1. Januar 2026, Bern: Swissnoso, swissnoso.ch… (zuletzt aufgerufen am 27.07.2026)













