
Du bist als erfahrener Arzt tätig – vielleicht in einer Klinik, in der Praxis oder in einer leitenden Rolle – und willst Deine Zeit und Erfahrung gezielt weitergeben? Dann kannst Du als Mentor wirken. In einer Zeit, in der Nachwuchsärzte mit komplexeren Anforderungen konfrontiert sind und sich beruflich orientieren müssen, bietet Deine Begleitung einen entscheidenden Mehrwert, sowohl für den Mentee als auch für Dich selbst. Dieser Artikel zeigt Dir, wie Du als Mentor wirkungsvoll auftreten kannst: welche Rolle Du einnimmst, welche Vorteile sich ergeben, worauf Du achten solltest und mit welchen Tipps Du den Einstieg reibungslos meisterst.
Inhaltsverzeichnis
Überblick: Als Arzt Mentor werden
- Mentoring bedeutet eine gezielte Begleitung eines jüngeren Arztes durch Dich als erfahrener Kollege – fachlich und persönlich.
- Als Mentor gewinnst Du nicht nur die Freude über Entwicklungserfolge Deines Mentees, sondern auch neue Impulse für Deine eigene Praxis.
- Damit Mentoring gelingt: sorgfältige Auswahl des Mentees, klare Ziele zu Beginn, regelmässiger Austausch und Ehrlichkeit in der Beziehung.
- Herausforderungen sind Zeitaufwand, Abgrenzung zwischen Unterstützung und Eigenverantwortung des Mentees sowie Konflikte oder Erwartungsunterschiede.
- Praxistipps: Vereinbare fixe Termine, nutze reale Fälle zur Reflexion, gib konkretes Feedback, fördere Netzwerke, halte kurze Zielvereinbarungen schriftlich.
Was bedeutet Mentoring in der Medizin?
Mentoring ist eine freiwillige, entwicklungsorientierte Beziehung. Eine erfahrene Person stellt Wissen, Perspektiven und Kontakte zur Verfügung, während der Mentee die eigenen Ziele und Entscheidungen verantwortet. Der Mentee muss nicht zwingend jünger sein. Entscheidend ist, dass Du im jeweiligen Entwicklungsfeld relevante Erfahrung einbringen kannst.
Mentoring ersetzt weder die klinische Supervision noch die formelle Weiterbildung, Leistungsbeurteilung, Therapie oder Rechtsberatung. Für die unmittelbare fachliche Anleitung und klinische Entscheidungen ist die zuständige Supervision da. Mentoring richtet den Blick vor allem auf Themen ausserhalb des Tagesgeschäfts, etwa Fachrichtungswahl, Laufbahnplanung, Forschung, Führung, Praxisgründung oder Vereinbarkeit.
So wirst Du Mentor
Erkundige Dich zunächst bei Deinem Spital, Praxisnetz, Deiner Universität oder Fachgesellschaft nach bestehenden Angeboten. Eine weitere Möglichkeit ist das generationenübergreifende Programm «Coach my Career». Es wurde von der FMH gemeinsam mit mfe, SIWF, swimsa, VLSS und vsao lanciert und wird administrativ vom VLSS betreut. Erfahrene Ärzte aus Klinik und Praxis können sich dort als Mentoren anmelden.
Informelles Mentoring kann ausserhalb eines Programms stattfinden. Organisierte Angebote definieren eigene Auswahlkriterien. Hilfreich sind Erfahrung in Weiterbildung oder Führung sowie Kompetenzen in Gesprächsführung, Feedback, Konfliktklärung, Datenschutz und Diversität.
Mentoring in sieben Schritten
Diese sieben Schritte können Dein Mentoring unterstützen:
1. Eigene Motivation und Kapazität prüfen
Kläre, welche Themen Du begleiten kannst und wie viel Zeit realistisch verfügbar ist. Mentoring erfordert Vorbereitung, Gespräche und gelegentliche Nachbereitung. Prüfe auch mögliche Interessenkonflikte, etwa wenn Du zugleich Vorgesetzter, Beurteiler oder potenzieller Arbeitgeber bist.
2. Passung gemeinsam prüfen
Gutes Matching ist keine einseitige Auswahl. Ein unverbindliches Kennenlerngespräch zeigt, ob Ziele, Fachbezug, Werte, Kommunikationsstil und zeitliche Möglichkeiten zusammenpassen. Beide Seiten sollten ohne Rechtfertigungsdruck ablehnen oder später einen Wechsel anregen können.
3. Eine klare Vereinbarung treffen
Legt beim Start fest:
- Welche Ziele verfolgt der Mentee?
- Wie häufig und über welche Kanäle findet der Austausch statt?
- Was bleibt vertraulich?
- Werden Notizen erstellt und wer kann sie einsehen?
- Welche Rolle hast Du bei Beurteilungen oder Personalentscheiden?
- Wann überprüft oder beendet Ihr die Zusammenarbeit?
Ein erster Zeitraum von drei bis sechs Monaten mit anschliessender Standortbestimmung ist oft praktikabler als eine pauschale Laufzeit.
4. Gespräche entwicklungsorientiert führen
Der Mentee sollte Themen und Prioritäten aktiv mitbestimmen. Stelle offene Fragen, höre aufmerksam zu und hilf dabei, Optionen und Konsequenzen zu prüfen. Teile eigene Erfahrungen als mögliche Perspektive, nicht als einzig richtigen Weg. Feedback sollte konkret, respektvoll und auf beobachtbares Verhalten bezogen sein.
5. Verantwortung beim Mentee lassen
Du kannst Orientierung geben, Kontakte vermitteln und Entscheidungen reflektieren. Die Entscheidung selbst trifft der Mentee. Übernimm nicht dessen Aufgaben und erzeuge keine Abhängigkeit. Fortschritt kann auch bedeuten, eine Option bewusst zu verwerfen, Grenzen klarer zu setzen oder eine unpassende Stelle zu verlassen.
6. Patientenfälle sicher besprechen
Klinische Situationen können wertvolle Lernanlässe sein. Besprich Fälle mit Personen, die nicht am Behandlungsprozess beteiligt sind, nur so, dass Patientinnen und Patienten nicht identifizierbar sind, sofern keine Einwilligung oder andere rechtliche Grundlage vorliegt. Namen wegzulassen genügt nicht immer. Auch Alter, Ort, seltene Diagnose oder besondere Umstände können eine Person erkennbar machen. Nutzt für sensible Inhalte nur die zugelassenen Kommunikationswege der Institution.
7. Wirkung regelmässig überprüfen
Fragt in vereinbarten Abständen: Sind die Ziele noch relevant? Ist die Zusammenarbeit hilfreich? Muss die Frequenz angepasst werden? Eine Mentoring-Beziehung darf enden, wenn Ziele erreicht sind, die Passung fehlt, Zeit nicht verfügbar ist oder ein Interessenkonflikt entsteht. Ein sauberer Abschluss ist kein Scheitern.
Nähe, Machtgefälle und Krisen
Eine professionelle Mentoring-Beziehung kann persönlich und zugleich klar begrenzt sein. Respekt und Dialog auf Augenhöhe bleiben wichtig, auch wenn ein Erfahrungs- oder Hierarchiegefälle besteht. Ist der Mentor zugleich Vorgesetzter oder Beurteiler, sollte transparent geregelt werden, welche Informationen in formelle Entscheidungen einfliessen. Für sensible Themen kann ein externer Mentor geeigneter sein.
Mentoren dürfen Belastungen ansprechen, zuhören und bei der Suche nach Unterstützung helfen. Sie ersetzen aber keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Bei anhaltender Überforderung oder einer Krise sind betriebliche Fachstellen, medizinische oder psychotherapeutische Fachpersonen sowie das Unterstützungsnetzwerk ReMed geeignete Anlaufstellen.
Was bringt Mentoring?
Für Mentees kann Mentoring Orientierung, bessere Entscheidungen, Zugang zu Netzwerken und mehr berufliche Selbstwirksamkeit fördern. Mentoren können die eigene Erfahrung reflektieren, neue Perspektiven kennenlernen und ihre Kommunikations- oder Führungskompetenz weiterentwickeln. Solche Vorteile entstehen nicht automatisch. Entscheidend sind eine gute Passung, klare Erwartungen, ausreichende Zeit und regelmässige Reflexion.
Fazit
Als ärztlicher Mentor musst Du nicht alle Antworten kennen. Deine wichtigste Aufgabe besteht darin, Orientierung zu geben, gute Fragen zu stellen und selbstständige Entscheidungen zu fördern. Mit klaren Rollen, gegenseitigem Respekt, verbindlichen Absprachen und einem sicheren Umgang mit vertraulichen Informationen wird Mentoring für beide Seiten wertvoll.
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Häufige Fragen zum Mentoring
- Brauche ich als Mentor eine spezielle Ausbildung?
- Wie lange sollte ein Mentor einen Mentee begleiten?
- Kann ein Mentor mehrere Mentees gleichzeitig begleiten?
Nicht für jedes Mentoring-Angebot ist als Mentor eine formale Ausbildung erforderlich. Informelles Mentoring ist auch ohne Teilnahme an einem bestimmten Programm möglich. Eine Schulung in Gesprächsführung, Feedback, Rollenklärung und Datenschutz ist für jeden Mentor dennoch sinnvoll. Bei formellen Programmen gelten die jeweiligen Anforderungen an den Mentor.
Wie lange ein Mentor einen Mentee begleitet, hängt vom Ziel und vom Format des Mentorings ab. Eine allgemeingültige Mindestdauer gibt es nicht. Mentor und Mentee sollten zunächst einen festen Zeitraum vereinbaren und danach gemeinsam prüfen, ob die Begleitung durch den Mentor fortgesetzt werden soll.
Ein Mentor kann mehrere Mentees gleichzeitig begleiten, sofern ausreichend Zeit und Kapazität vorhanden sind. Entscheidend ist, dass der Mentor jede Beziehung vertraulich, verbindlich und sorgfältig führt und jedem Mentee genügend Aufmerksamkeit widmen kann.
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- ReMed (o. J.), Unterstützung in einer Krise, remed.fmh.ch… (zuletzt abgerufen am 24.07.2026)
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