
Nachhaltige Beschaffung wird für Spitäler zu einem strategischen Hebel: Sie hilft, Kosten langfristig zu steuern, Lieferketten robuster zu machen und ökologische Verantwortung mit medizinischer Qualität zu verbinden. Wer Einkauf, Klinik und Management früh zusammenbringt, kann Ressourcen schonen, ohne Patientensicherheit oder Versorgungssicherheit zu gefährden. Der Artikel zeigt, wo die grössten Potenziale liegen, welche Spitäler bereits vorangehen und wie sich Nachhaltigkeit pragmatisch in Beschaffungsprozesse integrieren lässt.
Inhaltsverzeichnis
- Warum Nachhaltige Beschaffung im Spital strategisch ist
- Schweizer Rahmenbedingungen: Recht, Kantone und Vergabekultur
- Prioritäten: Wo Nachhaltige Beschaffung besonders wirkt
- Wie Spitäler bereits vorangehen
- Rolle leitender Ärzte und des Zuweisermanagements
- Umsetzung: Vier Schritte für das Spitalmanagement
Überblick: Nachhaltige Beschaffung im SpitalNachhaltige Beschaffung im Spital
- Nachhaltige Beschaffung ist im Spital kein reines Einkaufsthema, sondern verbindet Patientensicherheit, Wirtschaftlichkeit, Klima- und Lieferkettenrisiken.
- In der Schweiz ist nachhaltiges öffentliches Beschaffen rechtlich verankert. Nachhaltigkeit kann bereits bei Bedarf, Spezifikationen, Eignungs- und Zuschlagskriterien berücksichtigt werden.
- Die grössten Umwelthebel liegen nicht bei Einwegartikeln. Schweizer Untersuchungen zeigen besonders relevante Bereiche wie Verpflegung, Gebäudeinfrastruktur, Wärme, Strom und Arzneimittel – Letztere unter anderem über den Einsatz von Anästhesiegasen.
- Leitende Ärzte sind entscheidend, weil nachhaltige Produkte nur dann wirken, wenn Qualität, Hygiene, Akzeptanz und klinische Prozesse stimmen.
Warum Nachhaltige Beschaffung im Spital strategisch ist
Spitäler stehen unter hohem Kostendruck, müssen Versorgungssicherheit gewährleisten und gleichzeitig ihre ökologische und soziale Verantwortung stärker berücksichtigen. Das Bundesamt für Gesundheit nennt eine nachhaltig finanzierte und qualitativ hochstehende Gesundheitsversorgung als Schwerpunkt der Strategie Gesundheit2030.
Nachhaltige Beschaffung bedeutet deshalb mehr als „grün einkaufen”. Im Kern steht ein strukturierter Entscheidungsprozess, der den tatsächlichen Bedarf, die medizinisch notwendige Qualität, die Eignung der Lieferanten sowie die Kosten über den gesamten Lebenszyklus systematisch gegeneinander abwägt.
Vom Einkauf zum Versorgungsstandard
Im Spital entscheidet der Einkauf nicht allein über Produkte. OP, Pflege, Apotheke, Medizintechnik, Facility Management und Hygiene müssen einbezogen werden. Nur so lassen sich Fehlkäufe, Parallelstandards und unnötige Lagerbestände vermeiden. Massgeblich ist eine Lösung, die Versorgungssicherheit, klinische Qualität, Lebensdauer, Wartung, Entsorgung und Ressourceneinsatz zusammen betrachtet – der Anschaffungspreis allein greift zu kurz.
Schweizer Rahmenbedingungen: Recht, Kantone und Vergabekultur
Die konkrete Ausgestaltung hängt von Trägerschaft, Kanton und internem Beschaffungsreglement ab. Für öffentlich getragene oder öffentlich verpflichtete Beschaffungen sind insbesondere das Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen, die Verordnung sowie kantonale Regelungen und die IVöB relevant.
Die Schweizer Vergabekultur bewegt sich weg vom reinen Preiswettbewerb. In der Bundesbeschaffung sollen vermehrt Nachhaltigkeit, Qualität und Innovation berücksichtigt werden; der Zuschlag geht an das vorteilhafteste Angebot, nicht einfach an das billigste.
Vergabekriterien sauber formulieren
Für das Spitalmanagement heisst das: Nachhaltigkeitskriterien müssen prüfbar, verhältnismässig und beschaffungsnah sein. Möglich sind technische Spezifikationen, Eignungskriterien, Zuschlagskriterien und Vertragsbedingungen. Bei Produktevorgaben sollte eine neutrale Beschreibung verwendet werden; Markennamen sind nur ausnahmsweise sinnvoll und dann mit „oder gleichwertig” zu versehen.
Hilfreich ist die Wissensplattform nachhaltige öffentliche Beschaffung WöB. Die Toolbox bietet Grundlagen, Instrumente, Produktgruppen-Merkblätter und Textbausteine für Ausschreibungen, die ökologische und soziale Kriterien strukturieren.
Als internationale Orientierung für den Aufbau eines Beschaffungsprozesses bietet sich zudem die Norm ISO 20400 an, die Leitlinien für nachhaltige Beschaffung formuliert und sich von öffentlichen wie privaten Spitälern als Referenzrahmen heranziehen lässt – etwa bei der Lieferantenbewertung oder der Integration von Nachhaltigkeitskriterien in bestehende Beschaffungsprozesse.
Lebenszykluskosten statt Billigstpreis
Gerade bei Medizintechnik, Gebäudetechnik, IT, Textilien und Reinigungsleistungen greift der Anschaffungspreis zu kurz. Lebenszykluskosten umfassen neben dem Kaufpreis auch Nutzungskosten, Wartung, Ersatzteile, Schulungen und Entsorgung. Das BAFU empfiehlt in seinen Beschaffungshilfen, diese gesamten Eigentumskosten bei der Vergabe systematisch zu berücksichtigen.
Bei Gebäuden und Gebäudetechnik – einem der grössten Emissionstreiber im Spitalbetrieb – kann der Minergie-Standard als anerkannte Schweizer Referenz für Energieeffizienz und Baustandard in die Anforderungen an Neubauten, Sanierungen und Gebäudetechniklieferanten einfliessen.
Prioritäten: Wo Nachhaltige Beschaffung besonders wirkt
Das Forschungsprojekt NFP 73 untersuchte 14 Spitalbereiche in 33 Schweizer Spitälern. Verpflegung, Gebäudeinfrastruktur, Heizung, Elektrizität und Arzneimittel verursachten zusammen rund 70 Prozent der Treibhausgasemissionen der untersuchten Spitäler. Für leitende Ärzte und das Spitalmanagement folgt daraus eine klare Priorisierung nach Umweltwirkung, Patientensicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umsetzbarkeit statt einzelner Symbolmassnahmen.
Hotspots zuerst bearbeiten
Grosse Hebel liegen bei Energie, Gebäuden, Verpflegung, Arzneimitteln und lagerintensiven Verbrauchsmaterialien. Beispiele sind energieeffiziente Anlagen, optimierte Arzneimittel- und Materiallogistik, Food-Waste-Reduktion, bedarfsgerechte Menüsysteme und klare Standards für Gerätebeschaffung.
Ein konkretes und für leitende Ärzte direkt steuerbares Beispiel aus dem Arzneimittelbereich ist die Anästhesie: Volatile Inhalationsanästhetika unterscheiden sich stark in ihrer Klimawirkung. Desfluran und Lachgas (N₂O) haben ein deutlich höheres Treibhausgaspotenzial als Sevofluran; eine konsequente Umstellung auf Sevofluran oder auf totale intravenöse Anästhesie (TIVA) gilt als eine der wirksamsten Einzelmassnahmen, mit der Anästhesieabteilungen ihren CO₂-Fussabdruck reduzieren können – bei vergleichbarer klinischer Sicherheit und ohne Einschränkung der Behandlungsqualität.
Kreislaufwirtschaft mit klinischer Prüfung
Wiederverwendbare OP-Textilien, sterilisierbare Instrumente, langlebige Geräte oder Rücknahmesysteme können sinnvoll sein. Sie müssen aber hygienisch, regulatorisch und ökonomisch belastbar geprüft werden, damit Nachhaltigkeit die Patientensicherheit nicht relativiert. Eine Lebenszyklusbetrachtung – Reinigung, Sterilisation, Transport, Energieverbrauch, Ausfallrisiko und Entsorgung – sollte dabei stets in dieselbe Bewertung einfliessen.
Lieferanten und Daten transparent steuern
Spitäler sollten von Lieferanten belastbare Angaben verlangen: Herkunft, relevante Standards, Verpackungskonzepte, Reparierbarkeit, Ersatzteilverfügbarkeit, Rücknahmeoptionen und soziale Mindestanforderungen. Für Schutzmaterial, Textilien, Reinigungschemie, IT und Bauleistungen gibt es in der Schweiz bereits thematische Orientierungshilfen und Empfehlungen.
Wie Spitäler bereits vorangehen
Mehrere Spitäler haben Nachhaltigkeit bereits in eigene Programme überführt. So verfolgt das Universitätsspital Zürich im Rahmen seiner Nachhaltigkeitsstrategie unter anderem Massnahmen zu Energie, Beschaffung und Abfallreduktion; auch andere Universitäts- und Kantonsspitäler haben Green-Hospital-Initiativen mit Fokus auf Energieeffizienz, Mobilität und nachhaltige Beschaffung lanciert. Auf Verbandsebene unterstützt H+ seine Mitglieder mit Branchenempfehlungen und Austauschformaten zu Klima- und Nachhaltigkeitsthemen im Spitalwesen.
Für das eigene Haus lohnt sich der Blick auf solche Programme weniger als Blaupause, sondern als Hinweis darauf, welche Massnahmen sich in der Praxis als umsetzbar und klinisch akzeptiert erwiesen haben – und mit welchen Kennzahlen Fortschritt dort gemessen wird.
Rolle leitender Ärzte und des Zuweisermanagements
Nachhaltigkeit scheitert in der Praxis häufig an fehlender klinischer Akzeptanz, nicht am grundsätzlichen Willen. Leitende Ärzte können Anforderungen fachlich schärfen, unnötige Produktvielfalt reduzieren und Pilotprojekte so begleiten, dass Qualität messbar bleibt.
Klinische Standards gemeinsam definieren
Sinnvoll ist ein interdisziplinäres Beschaffungsgremium mit Ärzten, Pflege, Hygiene, Einkauf, Controlling und Technik. Es bewertet neue Produkte anhand definierter Kriterien: Indikation, Qualität, Prozessaufwand, Schulungsbedarf, Ausfallrisiko, Kosten und Umweltwirkung. So wird Nachhaltige Beschaffung zu einem medizinisch tragfähigen Standard statt zu einer Einkaufsvorgabe von aussen.
Personal einbinden und schulen
Akzeptanz im Alltag entsteht nicht durch neue Produkte allein, sondern durch Schulung und klare Kommunikation der Gründe für eine Umstellung. Wenn Pflege- und Ärzteteams verstehen, warum ein Produkt oder Verfahren wechselt – etwa bei einer Umstellung der Anästhesiegase oder bei Mehrwegsystemen im OP –, sinkt der Widerstand gegen Veränderung deutlich. Kurze, verfahrensbezogene Einführungen direkt am Arbeitsplatz sind dabei meist wirksamer als allgemeine Informationsveranstaltungen.
Zuweiserprozesse ressourcenschonend gestalten
Auch die Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten beeinflusst Ressourcen. Digitale Überweisungsprozesse, strukturierte Befundübermittlung, Vermeidung doppelter Diagnostik und gemeinsame Standards für Verbrauchsmaterial können Papier, Wege und unnötige Untersuchungen reduzieren – ohne dass dabei die medizinische Dringlichkeit oder die freie Patientenentscheidung eingeschränkt wird.
Umsetzung: Vier Schritte für das Spitalmanagement
Nachhaltige Beschaffung gelingt, wenn sie verbindlich in Strategie, Budgetierung und Qualitätsmanagement verankert wird. Einzelne Initiativen sollten dafür in ein klares Zielsystem mit messbaren Kennzahlen überführt werden.
Praktische Roadmap
- Bedarf prüfen: Kaufen, mieten, teilen, reparieren oder vermeiden? Schweizer Empfehlungen weisen ausdrücklich darauf hin, bereits bei der Bedarfsformulierung Alternativen wie Miete statt Kauf zu prüfen.
- Kriterien festlegen: Medizinische Muss-Kriterien, Nachhaltigkeitsanforderungen und Lebenszykluskosten trennen.
- Pilotieren: Neue Produkte in einer Abteilung testen und anhand konkreter Kennzahlen bewerten – etwa CO₂-Fussabdruck pro Beschaffungskategorie, Anteil Mehrweg- versus Einwegmaterial oder Energieverbrauch je Behandlungsfall.
- Verträge steuern: Nachhaltigkeitszusagen, Rücknahme, Reparatur, Lieferfähigkeit und regelmässiges Reporting anhand der definierten Kennzahlen vertraglich absichern.
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Häufige Fragen zu Nachhaltige Beschaffung
- Was bedeutet Nachhaltige Beschaffung im Spital?
- Wie startet ein Spital Nachhaltige Beschaffung ohne Mehrkosten?
- Welche Rolle haben leitende Ärzte bei Nachhaltige Beschaffung?
Nachhaltige Beschaffung bedeutet, dass ein Spital Produkte und Dienstleistungen nicht nur nach Preis, sondern auch nach Qualität, Lebenszykluskosten, Versorgungssicherheit, Umweltwirkung und sozialen Kriterien auswählt.
Nachhaltige Beschaffung startet mit Bedarfsprüfung, Standardisierung und Lebenszykluskosten. Oft entstehen Einsparungen durch weniger Varianten, geringere Lagerbestände, längere Nutzungsdauer und bessere Vertragssteuerung.
Nachhaltige Beschaffung braucht leitende Ärzte, weil sie medizinische Mindeststandards definieren, Pilotprojekte bewerten und sicherstellen, dass ökologische Ziele nicht zulasten von Patientensicherheit und Behandlungsqualität gehen.













