
Die Schweiz hat ihre Ausbildungskapazitäten in der Humanmedizin in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Trotzdem bleibt das Gesundheitssystem stark von im Ausland ausgebildeten Fachkräften abhängig. Laut FMH (Berufsverband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte) haben 43 Prozent der 2025 in der Schweiz berufstätigen Ärzte ihr Medizinstudium im Ausland abgeschlossen. Ein neuer Grundlagenbericht von swissuniversities (Rektorenkonferenz der Schweizer Hochschulen) beziffert nun, wie viele zusätzliche Medizinstudienplätze bis 2040 benötigt werden könnten. Er behandelt ausserdem die klinische Ausbildung, die Zulassung zum Studium, die Weiterentwicklung der Curricula und die Stärkung der Grundversorgung.
Inhaltsverzeichnis
- Grundlagenbericht statt beschlossener Reformplan
- Das erste Sonderprogramm erhöhte die Zahl der Abschlüsse
- Wie viele zusätzliche Medizinstudienplätze bis 2040 nötig wären
- 150 Millionen Franken wären nur eine Anschubfinanzierung
- Klinische Ausbildungsplätze sind der entscheidende Engpass
- Kapazitätsbegrenzung bleibt, Zulassungsverfahren soll sich ändern
- Studium soll praxisnäher, digitaler und kompetenzorientierter werden
- Grundversorgung stärker im Curriculum verankern
- Die Wirkung zeigt sich erst langfristig
- Zürich baut mit Med500+ bereits aus
- Wie es auf nationaler Ebene weitergeht
Überblick: Ausbau der Medizinstudienplätze in der Schweiz
- swissuniversities empfiehlt ein zweites Sonderprogramm Humanmedizin und ein schweizweit harmonisiertes Zulassungsverfahren.
- Bis 2040 werden zusätzlich 676 bis 763 Bachelor- und 652 bis 735 Masterplätze benötigt. Die Werte betreffen aufeinanderfolgende Studienstufen.
- Die modellierten 150 Millionen Franken sind nur eine Anschubfinanzierung. Klinische Ausbildungsplätze bleiben der zentrale Engpass.
- Die Wirkung ist langfristig: Bis zusätzliche Ärzte ihre Weiterbildung abgeschlossen haben, vergehen deutlich mehr als zehn Jahre.
Grundlagenbericht statt beschlossener Reformplan
Auslöser waren die Motionen Roduit und Hurni zur Sicherung der medizinischen Versorgung. Nach deren Annahme beauftragte die Schweizerische Hochschulkonferenz die Kammer universitäre Hochschulen von swissuniversities mit der Erarbeitung fachlicher Grundlagen. Die Universitäre Medizin Zürich erstellte den Bericht unter der Leitung von Prof. Dr. Beatrice Beck Schimmer und unter Einbezug der an der humanmedizinischen Ausbildung beteiligten Hochschulen. Die Kammer nahm ihn am 26. Juni 2026 zustimmend zur Kenntnis. Veröffentlicht wurde er am 30. Juni 2026.
Wichtig für die Einordnung: Der Bericht ist kein beschlossener Reformplan. Er enthält Analysen und Empfehlungen und dient der Schweizerischen Hochschulkonferenz als Entscheidungsgrundlage. Für ein zweites Sonderprogramm gibt es bislang weder einen verbindlichen Umsetzungsbeschluss noch eine gesicherte Finanzierung.
Das erste Sonderprogramm erhöhte die Zahl der Abschlüsse
Das Sonderprogramm Humanmedizin 2017 bis 2020 hat die Ausbildungskapazitäten bereits deutlich erweitert. Die Zahl der Masterabschlüsse stieg von 882 im Jahr 2016 auf 1’381 im Jahr 2024. Das damalige Ziel von jährlich 1’300 Abschlüssen wurde damit übertroffen. Aus Sicht der Universitäten reicht dieser Ausbau dennoch nicht aus. Gründe sind unter anderem der steigende Versorgungsbedarf, bevorstehende Pensionierungen und die weiterhin hohe Abhängigkeit von im Ausland ausgebildeten Ärzten.
Wie viele zusätzliche Medizinstudienplätze bis 2040 nötig wären
Der Bericht berechnet mehrere Szenarien. Als Zielgrösse empfiehlt er Szenario B. Dieses geht davon aus, dass die Hälfte der Netto-Immigration ausländischer Ärzte durch zusätzliche inländische Ausbildung ersetzt werden soll.
Gegenüber den Kapazitäten des Studienjahres 2025/26 ergibt sich für 2040 folgender zusätzlicher Bedarf:
| Studienstufe | Kapazität 2025/26 | Zusätzlicher Bedarf bis 2040 | Zielkapazität 2040 |
| Bachelor | 1’560 | 676 bis 763 | 2’236 bis 2’323 |
| Master | 1’472 | 652 bis 735 | 2’124 bis 2’207 |
Quelle: Universitäre Medizin Zürich, 2026
Parallel dazu berechnet der Bericht einen Bedarf von 632 bis 713 zusätzlichen eidgenössischen Diplomen pro Jahr. Die Modellrechnung berücksichtigt unter anderem eine Abbruchquote von 5 Prozent im Bachelor und 2 Prozent im Master. Zudem wird angenommen, dass 15 Prozent der Diplomierten später nicht klinisch tätig sein werden.
Die Bachelor- und Masterzahlen dürfen nicht zu einem vermeintlichen Gesamtbedarf von mehr als 1’300 unabhängigen Plätzen addiert werden. In der Regel durchläuft dieselbe Ausbildungskohorte nacheinander beide Stufen. Die getrennten Werte zeigen vielmehr, wie stark die Kapazitäten an jedem Abschnitt der Ausbildungskette wachsen müssten.
Der Bericht weist zudem auf Unsicherheiten der Prognose hin. Unter anderem setzt das Modell eine bedarfsgerechte Verteilung der Absolventinnen und Absolventen auf Fachgebiete und Regionen voraus. Insgesamt stuft der Bericht seine Bedarfsprognose eher als Untergrenze ein.
150 Millionen Franken wären nur eine Anschubfinanzierung
Für ein zweites Sonderprogramm modelliert der Bericht eine einmalige Pauschale von rund 200’000 Franken je neu geschaffenem Studienplatz. Bei 750 zusätzlichen Plätzen ergibt das 150 Millionen Franken. Diese Summe entspricht jedoch nicht den Vollkosten des Ausbaus. Das Berechnungsmodell enthält keine Infrastrukturkosten und nur einen Teil der Forschungskosten. Auch die langfristig wiederkehrenden Betriebskosten sind damit nicht vollständig finanziert. Der Bericht verlangt deshalb zusätzlich ein nachhaltiges Finanzierungsmodell, an dem sich Bund, Universitätskantone und Nicht-Universitätskantone beteiligen.
Klinische Ausbildungsplätze sind der entscheidende Engpass
Die grösste Hürde liegt nicht allein bei Hörsälen oder Laboren, sondern in der praktischen Ausbildung. Mehr Studierende benötigen ausreichend betreute Einsätze in realen Versorgungssituationen. Dafür sollen öffentliche und private Spitäler, ambulante Einrichtungen sowie niedergelassene Praxen stärker eingebunden werden.
Der Bericht nennt bereits mögliche Koordinationsinstrumente. Dazu gehören eine gemeinsame Erfassung verfügbarer Ausbildungsplätze, abgestimmte Praktikumszeiten und vergleichbare Abgeltungsmodelle. Zusätzlich sollen Anreize für weitere Ausbildungseinrichtungen geprüft werden. Als weitergehende Option nennt der Bericht auch verbindliche Ausbildungsvorgaben, sofern die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden.
Offen sind weiterhin ein verbindliches Zuteilungsmodell, die genaue Finanzierung und die Frage, wie die Beteiligung der verschiedenen Leistungserbringer praktisch organisiert werden soll.
Kapazitätsbegrenzung bleibt, Zulassungsverfahren soll sich ändern
Der Bericht empfiehlt keine ersatzlose Abschaffung der kapazitätsorientierten Zulassung. Die Zahl der Bewerbungen übersteigt die verfügbaren Plätze weiterhin deutlich, weshalb aus Sicht der Universitäten eine Auswahl notwendig bleibt.
Heute kommen im Wesentlichen zwei Modelle zum Einsatz: der Eignungstest für das Medizinstudium vor Studienbeginn und der Concours (französisches Zulassungsverfahren, v.a. Genf/Westschweiz) mit Selektion während des ersten Studienjahres. Beide Verfahren können den Studienerfolg vergleichsweise gut prognostizieren, erfassen aber soziale und kommunikative Fähigkeiten nur begrenzt.
Künftig soll die Zulassung schweizweit harmonisiert und grundsätzlich vor Studienbeginn durchgeführt werden. Ein kognitiv ausgerichteter Test soll mit einem Verfahren kombiniert werden, das unter anderem Kommunikation, Interaktion, Empathie und Resilienz bewertet. Die heutige kapazitätsorientierte Selektion innerhalb des ersten Studienjahres soll entfallen.
Der Bericht nennt mit Situational Judgement Tests und Multiple Mini-Interviews bereits mögliche Instrumente. Noch nicht entschieden sind die konkrete Kombination, ihre Gewichtung, die Governance, die Kosten und die erforderlichen kantonalen Rechtsanpassungen.
Die Vorbereitung ist bis 2032 vorgesehen. Eine Umsetzung könnte in der Planungsperiode für Bildung, Forschung und Innovation 2033 bis 2036 erfolgen, sofern die rechtlichen Grundlagen in den Kantonen rechtzeitig angepasst werden.
Studium soll praxisnäher, digitaler und kompetenzorientierter werden
Mehr Studienplätze sollen nicht auf Kosten der Ausbildungsqualität gehen. Der Bericht empfiehlt deshalb, digitale Lernformate und Simulationen gezielt auszubauen und mit authentischen klinischen Kontakten zu verbinden. Gerade in den ersten Studienjahren könnten Simulationen den Kompetenzerwerb unterstützen. In späteren Studienphasen bleibt die Ausbildung in realen klinischen Umgebungen unverzichtbar.
Inhaltlich sollen Kommunikation, interprofessionelle Zusammenarbeit, digitale Gesundheit und künstliche Intelligenz stärker verankert werden. Diese Themen sind bereits im kompetenzorientierten Rahmenwerk PROFILES (Principal Relevant Objectives and Framework for Integrative Learning and Education in Switzerland) angelegt. Empfohlen wird ausserdem eine engere Verzahnung von Studium und ärztlicher Weiterbildung.
Grundversorgung stärker im Curriculum verankern
Die Universitäten haben die Hausarztmedizin in den vergangenen Jahren stärker in die Lehrpläne integriert. Der Bericht fordert, diesen Ansatz konsequent weiterzuführen und zusätzlich Pädiatrie, Psychiatrie sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie stärker zu berücksichtigen. Dazu sollen Kontakte zu ambulanten Versorgungseinrichtungen ausgebaut und die interprofessionelle Zusammenarbeit stärker vermittelt werden. Mehr Studienplätze allein lösen regionale und fachgebietsspezifische Engpässe jedoch nicht. Entscheidend bleiben auch ausreichende Weiterbildungsplätze, eine bedarfsgerechte Verteilung nach Fachgebieten und Regionen sowie attraktive Arbeitsbedingungen.
Die Wirkung zeigt sich erst langfristig
Ein zweites Sonderprogramm wäre keine kurzfristige Antwort auf akute Versorgungslücken. Der Bericht rechnet für die Vorbereitung grösserer Kapazitätserweiterungen mit drei bis fünf Jahren. Nach der Schaffung zusätzlicher Bachelorplätze dauert es frühestens sechs Jahre bis zu zusätzlichen Studienabschlüssen. Bis zur abgeschlossenen ärztlichen Weiterbildung vergehen danach weitere sechs bis acht Jahre.
Der Ausbau muss deshalb früh beginnen, wirkt aber erst über einen langen Zeitraum. Kurz- und mittelfristig bleiben zusätzliche Massnahmen in der Weiterbildung, bei den Arbeitsbedingungen und bei der Nutzung vorhandener personeller Ressourcen notwendig.
Zürich baut mit Med500+ bereits aus
Der Kanton Zürich verfolgt mit Med500+ ein eigenes Ausbauprojekt. Der Zürcher Kantonsrat bewilligte dafür am 2. März 2026 einen ersten Objektkredit von 25 Millionen Franken. Dieser Kredit betrifft die Projektvorbereitung und erste Investitionen, nicht die Gesamtkosten.
Ab 2030 soll die Gesamtkapazität an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich von 430 auf 700 Plätze steigen. In den 700 Plätzen sind weiterhin 50 Plätze für Zahnmedizin und 20 für Chiropraktik enthalten. In der Humanmedizin sollen 270 zusätzliche Bachelorplätze und rund 230 zusätzliche Masterplätze entstehen.
Die erste zusätzliche Kohorte soll 2030 starten und 2036 abschliessen. Für die Projekt- und Aufbauphase bis 2036 veranschlagt der Kanton eine zusätzliche Finanzierung von maximal 498,5 Millionen Franken. Ab 2037 werden jährlich wiederkehrende Nettokosten von rund 78,8 Millionen Franken erwartet.
Wie es auf nationaler Ebene weitergeht
Der Grundlagenbericht geht nun an die Schweizerische Hochschulkonferenz. Für die Vorbereitung eines zweiten Sonderprogramms nennt er das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, die Universitäten und die medizinischen Fakultäten als federführende Akteure. An der langfristigen Finanzierung sollen sich Bund und Kantone beteiligen.
Bei der Zulassungsreform liegt die fachliche Federführung bei swissuniversities und den Universitäten, die politische Verantwortung wegen der kantonalen Zuständigkeiten jedoch bei den Kantonen. Zusätzlich müssen Spitäler, ambulante Einrichtungen und Praxen in den Ausbau der klinischen Ausbildung eingebunden werden.
Damit liegt ein fachlich begründeter Rahmen vor. Ob, in welchem Umfang und in welchem Zeitplan die Empfehlungen umgesetzt werden, ist politisch und finanziell noch offen.
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1. Hostettler, S. und Kraft, E. (2026), Wenige Ärztinnen an der Spitze, Schweizerische Ärztezeitung, Ausgabe 03, fmh.ch… (zuletzt abgerufen am 22.07.2026)
2. Hurni, B. (2023), Mangel an Ärztinnen und Ärzten in der Schweiz. Vorbeugen ist besser als heilen! Motion 23.3854, Bern: Schweizerische Bundesversammlung, parlament.ch… (zuletzt abgerufen am 22.07.2026)
3. Kanton Zürich (2025), Kanton Zürich will Studienplätze für Medizin ausbauen, Medienmitteilung, 23. September 2025, zh.ch… (zuletzt abgerufen am 22.07.2026)
4. Roduit, B. (2023), Numerus clausus. Schluss mit dem Ausschluss von Medizinstudierenden aufgrund anderer Kriterien als Kompetenzen und Qualität, Motion 23.3293, Bern: Schweizerische Bundesversammlung, parlament.ch… (zuletzt abgerufen am 22.07.2026)
5. SRF (2026). Ärztemangel: Zürich schafft mehr Medizinstudienplätze, 2. März 2026, srf.ch… (zuletzt abgerufen am 22.07.2026)
6. swissuniversities (2026), Medizinstudium: Grundlagenbericht zu Ausbildungskapazitäten und Zulassungsverfahren, Medienmitteilung, 30. Juni 2026, swissuniversities.ch… (zuletzt abgerufen am 22.07.2026)
7. Universitäre Medizin Zürich (2026), Zulassung zum Medizinstudium und Organisation des humanmedizinischen Studiums: aktuelle Situation, Handlungsbedarf und Massnahmenempfehlungen, swissuniversities.ch… (zuletzt abgerufen am 22.07.2026)














